Verloren

Firnelfe

Eines Tages als das Eis über dem Wasser schon leichte Risse bekam und man bald Löcher zum Fischen hineinbrechen können würde, waren Meláonë, Leyaria und mehrere weitere Firnelfen auf der Suche nach Robbenbänken weit in den Westen gezogen.
Ein Schneesturm hatte sie gezwungen mit den erbeuteten Tieren auf den Kristallschlitten länger in einer Eisspalte Schutz zu suchen, als erwartet.
Nicht weit von hier begannen die ersten eisbedeckten Berge in die Höhe zu ragen, so dass der Sturm sogar größere Eissplitter mit sich reißen und hinabtragen konnte. Niemals hätte Meláonë gedacht, dass sich gerade zu diesem Zeitpunkt noch andere Wesen in der Nähe aufhielten, außer den Tieren, die sich vermutlich noch tiefer im Schnee und Eis versteckt hielten als die Elfen selbst.
Als der Sturm vorüber und die Schneeflächen übersäht von kleineren Eissplittern waren, brachen die Elfen wieder auf, zurück zu ihren Wohnstädten. Doch ihre Schwester Leyaria war nirgendwo zu finden.
Meláonë und mehrere andere Elfen machten sich auf die Suche. War sie Opfer des Sturmes geworden?
Doch Meláonë hatte geglaubt Leyaria sicher in der Eisspalte gesehen zu haben. Viele Stürme hatten sie schon überstanden. Wie selbstverständlich wusste jede Firnelfe, sei sie noch so jung, auf sich aufzupassen, denn der Geist der rauen, kalten ödnis wohnte in jedem von ihnen. Entsetzen keimte in Meláonë auf, hauptsächlich genährt durch das Bewusstsein, dass eine Situation, die sie schon oft erlebt hatten, und die sie nie beunruhigt hatte, plötzlich große Ungewissheit entstehen ließ.
Keinen Gletscherwurm hatte ihre Sippe seit langem gesichtet und von keinen unsichtbaren, schneebedeckten Spalten wusste sie in dieser Gegend.
Ihr Blick suchte die Ebene ab bis zu den immer noch in leichte Schneewehen gehüllten aschgrauen Bergen am inzwischen wieder blauweißen Horizont. Ihr Wunsch in die Ferne zu blicken und das Land zu überblicken erhob sie in die Lüfte. Langsam glitt der lederne Mantel an ihr herab. Die Melodie des Windes durchströmte sie. Der schwarze Nordrabe breitete seine Schwingen aus und flog gen Himmel.
Lange Zeit kreiste ihre Seele am Himmel und kannte nur eins: Sehen. Doch in den schwarzen, runden Augen spiegelte sich lange Zeit nur eins: weißer Schnee und Eis. Kein Hinweis, nichts.

Schließlich aber fand sie etwas. Rote Blutflecken schimmerten durch eine hauchdünne Schneedecke. Viele Spuren von Stiefeln, Schlitten und Hunden darum. Die Flecken stammten wohl nicht von Leyaria, sondern von dem Robbenfleisch, dass anscheinend den Hunden vorgeworfen worden war. Es waren noch Fellreste zu sehen.
Der Rabe landete. Er fühlte sich angezogen vom Blut und dem Fell, aber der Schleier eines Ziels lies ihn sich wieder emporschrauben.
Ein wenig abseits war ein Krater im Eis, wie wenn das Eis hier von einer Mitte her geschmolzen wäre. Meláonë hatte noch nie Menschen gesehen, obgleich sie diese Spuren ihnen zuzuschreiben wusste. Sie konnte sich nicht vorstellen wie es die Menschen geschafft haben sollten hier her zu kommen, noch warum sie dies gewollt hätten.
Das Blut hatte ihre Aufmerksamkeit erregt, doch die zerbrochene und in den Schnee getrampelte Iama, die Beinflöte ihrer Schwester, veranlasste sie augenblicklich den einzig wegführenden Spuren der Hundeschlitten zu folgen.

Doch plötzlich wurde ihr die Entfernung zu ihrer Sippe bewusst. Sie kannte diese Gegend nicht und fühlte sich schlagartig allein und von einem Nebel aus Stille umgeben. Meláonë musste umdrehen. Sie wollte Hilfe hohlen.

Der Abend brachte einen eisigen Wind, der den Atem schon gefrieren lies bevor er die Lippen verließ.
Meláonë erreichte als Letzte das Nachtlager der Jäger. Schon von weitem hörte sie die traurigen, rufenden Klänge der Gemeinschaft. Man hatte ihre Kleidung mitgenommen. Als sie schließlich berichtet hatte, hielten die Elfen Rat. Etwas sehr Außerordentliches war geschehen, etwas sehr Schlimmes.
Leyarias Melodie war noch in ihrer Mitte zu hören, aber sie würde schwächer werden. Alle spürten es. Es war ein Tag vergangen, seit sie nicht mehr bei ihnen war. Meláonë wusste, dass die Gruppe keine Wildnisläufer entbehren konnte, wollten sie die Jagdbeute schnell und sicher nach Hause bringen, denn das Fleisch lockte selbst in tiefgefrorenem Zustand Firunsbären oder viel schrecklichere Räuber der Schneewüste an. Jedoch hing das überleben der Sippe von jeder einzelnen Beute ab. Sie konnten sich nicht leisten diese zu verlieren.
Niemand war Leyaria so nah gewesen wie Meláonë.

Nach vielen Worten und Liedern brach Meláonë auf. Sie wollte die Gemeinschaft nicht verlassen, auch wenn es hoffentlich nur für ein paar Sonnenläufe war, aber sie musste ihre Schwester wieder zurückbringen. Ihr Innerstes befahl es ihr. Viel deutlicher als die anderen spürte sie den fehlenden Klang in der Gruppe.
Meláonë wusste, dass ihre Träume sehr weit fliegen und sie so noch lange Zeit mit der Sippe verbinden konnten. Doch ihre Träume führten sie auch in die unbekannte Fremde, wo ihre Schwester war, die ihre Hilfe brauchte.
Meláonë wusste nicht, ob sie alleine erfolgreich sein würde, aber es gab keine andere Möglichkeit; sie musste es versuchen, auch wenn ihr die Spuren der Fremden Angst machten. Sich fürchtete sich nicht vor ihrer Grausamkeit oder den unbekannten Landen, denn die Natur war so gewalttätig und voller Gefahren wie es kaum ein Mensch sein konnte. Sie fürchtete sich, weiter als je zu vor von ihrer Sippe entfernt sein zu müssen.

Meláonë brach noch in derselben Nacht in ihre dicksten Fälle gehüllt auf. Sie blickte ein letztes Mal auf das im Mondschein hellblau leuchtende Elfenlager zurück, ging dann aber schnellen Schrittes dem Dunkelblau des Horizonts entgegen und verschwand schließlich im gräulichem Schneenebel der selbst des Nachts von dem leichten Frostwind aufgewirbelt wurde, der vom Gebirge herab über unendlich scheinende Packeisflächen wehte, die stetig das Meer Meláonës Heimat bedeckten.

 
Kontakt|Impressum