Brennende Knochen

Knochenwurm

Es war ein warmer Sommerabend und die Bauern kehrten von ihren Feldern in die kleine Stadt Biensen zurück.
Harden Feldblick war einer dieser Bauern und an diesem Abend fiel ihm auf, wie der Medicus Melvin Habenaken ins Haus von Frederik Islason trat. In Anbetracht der kommenden Ernte dachte sich Harden, dass Islason sich den dümmsten Zeitpunkt für eine Krankheit ausgesucht hatte. Kopfschüttelnd setzte der Bauer seinen Weg zu Heim, Herd und Familie fort.
Am nächsten Morgen sah Harden, als er aus der Tür trat, um an die Arbeit zu gehen, wie die Menschen sich vor Fredericks Haus versammelten. Die Tür zum Haus wurde von der Stadtwache versperrt.
Die Wächter meinten, dass nur Herr Habenaken und Vater Imroth, der Pelor Priester des Dorfes, etwas im Hause zu suchen hätten. In der unwissenden Menge machten sich Gerüchte über eine ansteckende Krankheit, über den Tod von Frederik, über einen Dämon, der den Bauern beherrschen solle und dergleichen breit.
Harden hielt nichts von solchen Gedanken, von Spekulationen und Panikschürerei, daher ging er wie jeden Tag aufs Feld und schuftete dort bis in den späten Abend.

Ein Tag später:

Funken stoben gen Himmel, der Gestank von verkohltem Fleisch lag in der Luft und trieb Tränen in die Augen. In den Flammen erkannte man vage die Umrisse von menschlichen Körpern. Nur Wenige hatten sich eingefunden, um am Feuer zu stehen.
Frederik und seine Familie hatte eine schlimme Krankheit dahingerafft und Imroth hatte entschieden ihre Leiber verbrennen zu lassen, bevor sich die Seuche weiter ausbreitet. Er sagte den Leuten auch, sie sollen wieder an ihr Tagewerk gehen, denn es gäbe nichts mehr zu befürchten.
Harden hoffte dies innigst, denn die Familie Islason wohnte nicht weit von seinem Haus entfernt. Er hatte des Nachts ihre Schmerzenschreie gehört und auch, wie die Stimmen nach und nach verstummten. Seiner Familie dürfe so was nicht zustoßen.

Zwei weitere Tage später:

Die Fenster sind mit Brettern vernagelt. Der Kies der Straßen hat sich mit Blut vermischt. Harden vernimmt einen Schrei und blickt durch einen Spalt aus dem Fenster auf die Straße. Dort rennt ein Mann in zerfetzten Kleidern. Er strauchelt, fällt zu Boden und als er sich aufsetzt und in die Richtung seiner Verfolger blickt, sieht man rote Streifen auf seiner Brust. Seine Rippen scheinen wie glühendes Eisen durch seine Haut. Er ist völlig verschwitzt und sein Gesicht zeugt von grausamen Schmerzen. In seinen Augen liegt Panik.
Zwei Männer, Stadtwachen in alte Stoffe gewickelt, um sich vor der Krankheit zu schützen, treten auf den Mann zu. Er fleht um Gnade. Doch die Wachen haben ihre Befehle und so streckt einer von ihnen den kranken Mann mit seinem Streitkolben nieder. Mehrmals schlägt die Wache auf den Mann ein, bis seine Schreie verstummen. Zusammen zerren sie ihn die Straße hinauf auf einen Karren zu vielen anderen Leibern, von denen man nicht weiß, ob sie schon tot waren, bevor die Wachen kamen.
Harden wusste, wohin sie die Opfer brachten. Zu den Scheiterhaufen vor den Toren. Die Seuche hatte sich weiter ausgebreitet und war nicht heilbar. So hatte Imroth entschieden, dass den Infizierten nicht zu helfen sei und man sie verbrennen müsse, um der Seuche doch noch ein Ende zu bereiten.
Harden blickte zu seiner Familie. Zu seiner Frau, seiner Tochter und seinem Sohn. Der Sohn hatte gerade Mal zehn Winter überstanden und die Tochter gerade ihren achten. Er betete zu den Göttern, dass es bald ein Ende nehme, damit seine Kinder verschont bleiben. Außerdem fand Harden, dass es langsam unerträglich warm im Haus geworden war.

Am fünften Tag der Seuche:

Es war ruhig auf den Straßen. Keine Wachen streiften mehr durch die Straßen und Harden hörte auch keine Schreie mehr aus den Häusern der Nachbarschaft. Er schwitzte und mied den Blick seiner Frau.
Unter Mühen riss er die Bretter von der Tür und trieb seine Familie auf die Straße. Dort lagen die Körper derer, die auch versucht hatten, aus der Stadt zu kommen, doch die Seuche war schneller. Man konnte ihre Knochen sehen, als würde in ihnen das Feuer der Höllen brennen. Und der Gestank. Zuerst dachte Harden, er käme von den Scheiterhaufen, aber er kam aus allen Richtungen, drang aus allen Häusern. Schmerzen. Harden spürte die Schmerzen. Es brannte, alles brannte. Die Knochen, sie glühten wie Eisen.
Die Kinder mussten weg, sie durften nicht so enden, nicht so leiden. Harden sah das Tor, den Horizont, die rettende Ferne. Doch sie verschwamm. Die Schmerzen wurden größer und die Kraft schwand aus den Beinen. Er sank auf die Knie und schmeckte das Blut in seinem Mund. Eine zarte Hand griff nach der Seinen. Die Hand seiner Frau. Durch ihre seidene Haut glühten die Fingerknöchel. Als Harden hinter sich blickte, sah er die roten Schädel seiner Kinder. Zu spät.

Zehn Tage nach dem Ausbruch der Seuche:

Von weitem sahen die Soldaten schon die brennenden Dächer der Stadt. Seit Tagen hatte man von dort nichts mehr gehört und als die Rauchschwaden zum Himmel aufstiegen, wollte man endlich wissen, was dort vor sich ging.
Der gerüstete Trupp marschierte durch die Tore in die Stadt. Es stank furchtbar und überall brannten Feuer. Leichen lagen auf den Straßen. Durch ihre Körper schienen ihre Skelette in einem rötlichen Glühen.
Man sammelte sich auf dem Platz vor dem Tempel, dessen Tore fest verschlossen waren. Der Hauptmann klopfte mehrmals an das Holz, doch nichts tat sich.

Dann flogen Holzsplitter durch die Luft und die Tore brachen von Innen her auf.

 
 
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