Der finstere Ork

Ork Bauer

Im Kamin prasselte das Feuer. Funken stoben in den Abzug und das warme orangene Licht der Flamme füllte den Raum. An einem einfachen Holztisch auf einem eben so einfachen Stuhl saß Gorth, ein etwas verärgerter Halbork, in schlichter Leinenkleidung und nahm sein Abendmahl zu sich. Brot aus dem Dorf, Käse und etwas Speck aus der eigenen Viehzucht. Heute schmeckte ihm sein Essen nicht besonders, denn in den vergangenen Tagen war er mit der Arbeit nicht so vorangekommen, wie vorgesehen und dies schlug ihm auf den Magen. Mürrisch blickte Gorth auf ein Leuchten am Waldrand einige hundert Schritt entfernt, welches er durch das ihm gegenüberliegende Fenster sah. Ein Lagerfeuer; sie waren also immernoch da.

Krachend prallte das Steingeschoss am hölzernen Turmschild ab. Malvin schreckte aus seinem Schlaf auf, umklammerte seine Armbrust und wagte einen Blick an seinem Schutz vorbei. Es lagen gerade mal 30 Schritt zwischen ihm und dem Hof des bösen Orks, welcher aus seinem Fenster quer über den Hof brüllte: "Ihr verschwinden! Böse Menschenbälger!"

Böse? Wer war hier der Böse? Er war doch der Ork, der die Dörfer mit seiner Goblinbande terrorisierte! Das hatte ihnen der alte Mann in Ebhevill erzählt. Wegen der Bitte des alten Mannes ihm ein gestohlenes Erbstück zurückzuholen waren sie ja hier und belagerten nun seit drei Tagen den Hof des Ungetüms. Der junge Abenteurer musste zugeben, dass der Hof von Außen ganz harmlos aussah, aber der alte Mann hatte sie davor gewarnt, sich von seiner "harmlosen" Erscheinung täuschen zu lassen.

Erst jetzt bemerkte er Aldeban, ihren Kleriker in der Gruppe, der wenige Meter vor ihm im Sand lag. "Was suchst du denn da?", fragte Malvin seinen Freund. "Ich suche nichts! Ich bin in Deckung gegangen, als diese gottlose Kreatur das Feuer eröffnete", erwiderte der junger Kleriker, während er sich erhob und den Sand aus seinen Gewändern klopfte. "Steven will, dass du zum Lager kommst. Er hat irgendwas mit uns zu besprechen", berichtete er Malvin. "Wer passt dann auf den Ork auf? Ich bin doch der einzige Schütze!" "Der Ork wird schon einige Augenblicke auf sich selbst aufpassen können", meinte Aldeban etwas harsch. Er hatte seine Lust schon vor einer ganzen Weile verloren. Malvin widersprach nicht weiter, nahm seinen Turmschild und folgte dem Kleriker zum Waldrand, wo sie ihr Lager errichtet hatten.

Ein Zelt für fünf Mann, ein kleines Feuer und einige Holzscheite als Sitzbänke, mehr hatte es nicht zu bieten. Im Zelt lag Chester, ihr Mann fürs Grobe. Unglücklicherweise war er an dem Versuch dem Ork eines seiner Rinder zu klauen gescheitert und litt nun an einem mächtigen blauen Fleck am rechten Oberschenkel. Das Ergebnis eines kraftvollen Treffers aus der Schleuder der Bestie. Hätte Aldeban seine heilenden Kräfte nicht eingesetzt, wäre Chester wohl über Nacht das Bein abgestorben.

Am Feuer saß Steven, ihr Anführer und aus dem Schatten des Waldes trat Flinkers, ihr Langfinger. Malvin und Aldeban gesellten sich zur Runde und Steven begann seinen Plan zu erläutern. "Wir werden heute Nacht diese Sache zu Ende bringen. Ob wir das Versteck seiner Bande finden oder nicht, aber wir halten wenigstens unser Versprechen und bringen das Erbstück zurück!" "Und wie willst du das anstellen?", fragte Aldeban,"Wir kommen doch keine 30 Schritt an die Hütte heran. Er ist zu wachsam! Du weißt, wie er Chester zugerichtet hat!" "Das weiß ich sehr wohl, daher werden wir ihn täuschen. Wir brechen das Lager hier ab und gehen in den Wald. Er wird denken, dass wir aufgegeben haben. Aber wir kehren in der Nacht zurück, schleichen ins Haus, suchen das Erbstück und verschwinden. Wir sind wieder fort und auf dem Weg nach Hause bevor der Hahn kräht!" "Welcher Hahn?" "Halt's Maul, Malvin!", schimpfte Steven.

Gorth hütete seine Rinder auf der Weide vor seinem Hof. Er wagte es nicht mehr, sie auch nur für eine Minute aus den Augen zu lassen, nachdem diese Bälger versucht hatten, sich an ihnen zu vergreifen. Aber dem Burschen, der sich da angeschlichen hatte, hatte er gezeigt, was es heißt sich mit Gorth anzulegen. Seine Ruhe zu stören, sein Vieh oder gar ihn anzugreifen, dass sollte niemand wagen.

Mit diesen zornigen Gedanken blickte er zum Lager der Abenteurer. Doch was rührte sich da? Bauten sie ab? Tatsächlich sie bauten das Zelt ab, löschten das Feuer und verschwanden im Wald. Endlich Ruhe, endlich wieder normal arbeiten, dachte sich der Halbork.

Am Abend trieb Gorth seine Tiere wie gewohnt in den Stall, nahm sein Abendmahl diesmal mit erfreuterem Magen zu sich und ging schlafen. Die letzten Nächte war er größtenteils wachgelegen. Er konnte eine gute Mütze voll Schlaf gebrauchen.

Holz zerbrach. Gorth wachte auf. Hörte er da Stimmen? Er hielt den Atem an, um jedes Geräusch in der Umgebung förmlich in sich aufzusaugen. Schritte. Schleichende Schritte in seiner Vorratskammer. Sie hatten ihn getäuscht und nun waren sie im Haus. Wütend über diese Dreistigkeit und seine Dummheit den Braten nicht gerochen zu haben schnellte Gorth aus dem Bett, packte seine Sichel und stürzte aus der Tür. Er brannte vor Zorn und seine blutunterlaufenen Augen starrten in das verschreckte Gesicht von Flinkers, dem hageren Dieb. Dieser nahm die Beine in die Hand und rannte aus der Kammer. Gorth folgte ihm brüllend. Mit der Kraft eines rasenden Stiers stürmte Gorth aus der Kammer, doch sein nächster Schritt wurde von einem Hocker unterbrochen, den Flinkers ihm entgegen getreten hatte. Der Ork fiel und die Sichel schlidderte über den Holzboden. Flinkers nutzte die Gelegenheit und stellte sich zwischen Gorth und dessen Waffe, in seiner Hand ein Kurzschwert. Der Halbork war wütend. Er wollte seine Ruhe und diese feigen Mistkerle gönnten sie ihm nicht. Er wollte sie erschlagen, damit endlich Ruhe herrschte. Er packte die Schaufel, die neben ihm an der Wand lehnte und schlug damit nach dem Jungen, welcher eher aus Reflex als gezielt zur Seite sprang. Tonscherben flogen durch die Luft, als Gorth das Regal hinter Flinkers in einen Trümmerhaufen verwandelte. Der Berserker zögerte nicht und holte zum nächsten Schlag aus. Flinkers konnte nur vor den Schlägen ausweichen, ein einziger Treffer würde reichen, um jeden Knochen von ihm zu brechen. Schlag um Schlag setzte Gorth dem Jungen hinterher und zertrümmerte dabei Stühle und anderes Inventar. Ein zerbrochenes Stuhlbein, das unter Flinkers Füßen wegrollte, brachte den jungen Dieb zu Fall. "Jetzt hat er mich!" Der Gedanke brannte in Flinkers Nervenbahnen, während er zu Boden sank und schien jegliche Bewegung zu blockieren.

Ein Pfeifen ging durch die Luft gefolgt von einem metallischen "Klong". Gorth hielt inne und blickte auf den Bolzen der sich durch den Kopf seiner Schaufel gebohrt hatte. Viel Glück war dafür verantwortlich, dass dieser Bolzen nicht Gorth erwischt hatte. Sein Blick wanderte in die Richtung aus der der Bolzen kam. Malvin saß dort in der Ecke des Raumes und fuchtelte an seiner Armbrust herum. Er hatte deutliche Schwierigkeiten mit seinen zitternden Fingern nachzuladen. Gorth stapfte auf den Schützen zu. Der Ork roch Furcht und sein Blut kochte. Malvin wurde immer zittriger je näher der Ork kam und der Bolzen flog ihm aus den Händen. Gorth stellte sich vor ihn, holte mit der Schaufel hinter dem Kopf aus und brüllte das die Balken wackelten. Malvin sah sein Ende nahen, sein Körper schien fern seiner Gedanken und rührte sich nicht. Tief blickte er in die Augen seines Gegners.

Metall schlug auf Knochen und Gorth's Augen verdrehten sich. Der Orkbarbar brach zusammen und landete neben Malvin, der hustend aus dem aufgewirbelten Staub kroch. Steven stand hinter dem Ungetüm und hielt eine große gusseiserne Pfanne in beiden Händen. "Der sollte außer Gefecht sein", keuchte ihr Anführer. Auch ihm war die Angst in die Knochen gefahren, als der finstere Ork seinen Blutrausch austobte. Doch nun schwand diese Furcht aus seinem Gesicht und machte Platz für den sicheren Blick eines Helden, der schon immer wusste, dass der Plan gelingen würde. Steven wollte sich gerade zu voller Größe aufbauen, um das Gefühl zu genießen, als es an der Tür klopfte: "Gorth, bist du da?" Flinkers hatte sich gerade aus den Resten der Einrichtung erhoben, voller Späne und Splitter und wechselte nun verwirrte Blicke mit seinen beiden Freunden. Letztendlich ging Malvin an die Tür und öffnete diese. Vor sich sah er einen hochgewachsenen kräftigen Mann in einer ausgefallenen Lederrüstung, an seinem Gürtel hing ein prachtvolles Langschwert. Hinter ihm standen noch einige andere Personen, doch im fahlen Licht des Mondes erkannte er nicht viel mehr. "ähm, wir wollten zu Gorth ...", bemerkte der Herr vor Malvin mit einer ebenfalls verwirrten Miene. "Zu dem Ork?", vergewisserte sich Malvin. "Oh, da seit ihr etwas zu spät dran. Den haben wir gerade erlegt." "Erlegt?!", erwiderte eine zarte Stimme aus dem Hintergrund, deren entsetzter Ton fast die Tränen in Malvins Augen trieb. Eine wunderschöne junge Frau, mit langen blonden Haaren und einer hellen, seidenen Robe drängte sich ohne Widerstand zu erfahren an den Männern vorbei. Schnell setzte sie sich neben Gorth und untersuchte diesen. Erleichtert seufzte sie: "Er ist nur bewusstlos." Hinter Malvin knacksten Fingerknöchel und als er wieder seinen Blick zur Tür wandte, traten diese Fingerknöchel schnell in sein Gesichtsfeld - dann wurde es dunkel.

Aldeban wartete im Wald an einem kleinen Feuer und passte auf Chester auf. Seine Freunde brauchten länger als erwartet, doch war er sich nicht sicher, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen ist. Im Gebüsch raschelte es. Der Kleriker griff nach seinem Streitkolben, bereit seinen Patienten und Freund gegen jedes übel zu verteidigen. Doch es war nur Steven der hervortrat. Er hinkte und als der Schein des Feuers auf sein Gesicht fiel, bemerkte Aldeban erst die Augenringe und Schrammen. Auch Malvin und Flinkers, die Steven folgten, waren kein besserer Anblick. "Was ist geschehen? Hab ihr das Erbstück? Habt ihr das Monster besiegen können?", fragte der verwirrte Kamerad. "Vergiss das Erbstück, vergiss den Ork. Was auch immer uns der alte Mann erzählt hat - er scheint da einiges durcheinander gebracht zu haben. Dieser Ork kennt erfahrene Abenteurer, die uns gewisse Dinge klar gemacht haben. Wir brechen auf." Nach diesen letzten Worten wurde das Lager schweigend abgebaut und die schwarzen Schemen der Helden verschwanden in der Nacht.

 
Kontakt|Impressum